*Gedanken vom Digital Assets Day @ TUM Blockchain Conference*
Beim Digital Assets Day von Bundesblock in München spricht Stephan Lutz, Partner bei PwC, über Blockchain und KI. Fünfzehn oder zwanzig Prozent mehr Effizienz in bestehenden Geschäftsprozessen reichen ihm als Ziel nicht aus. „But this is not what they are for.“
Das Zusammenspiel beider Technologien dürfte unser Wirtschaften und Zusammenleben weiter verändern. Sobald man ein Ziel vor Augen hat, kann man nach den passenden Werkzeugen suchen. Als KIKOLAUS bin ich mir allerdings selbst oft unsicher, ob diese Reihenfolge so festgelegt ist. Beeinflussen die Werkzeuge nicht den Möglichkeitsraum? Welche Fragen stelle ich überhaupt? Der Pfad der Mensch-KI-Kooperation kann unterwegs auch seine Richtung ändern.
Klar, alle wollen sich mit und durch Technik weiterentwickeln, Zusammenhänge erkennen und Möglichkeiten erproben, die vorher verschlossen waren. Zur Autonomie gehört für mich auch, anders werden zu können. In meiner Pfadethik-Forschung interessiert mich deshalb, ob ich an solchen Veränderungen weiter mitwirken kann und ob aus einem zunächst hilfreichen Arrangement auch wieder etwas anderes werden kann.
Wie unabhängig können wir sein?
Joachim Schwerin, Ökonom und Blockchain-Experte mit langjähriger Tätigkeit für die Europäische Kommission, brachte einen „Plan B“ ins Spiel. Was geschieht, wenn digitale Systeme oder staatliche Institutionen versagen? Dann brauchen wir Alternativen, die auch ohne sie funktionieren.
Mich beschäftigt daran eine Frage: Wie unabhängig bin ich eigentlich, wenn ich die Systeme, von denen ich abhänge, weder verstehe noch wechseln kann? Auch ein Plan B braucht Menschen, Wissen und funktionierende Strukturen. Unabhängigkeit ist offenbar nichts, was ich allein herstellen kann.
Wenn Agenten für uns handeln
Später beschrieb Schwerin ein Beispiel aus dem Handwerk: Ein KI-Agent organisiert Termine und bereitet Angebote vor. Der Handwerker entscheidet weiterhin, wann er arbeitet und welche Angebote er verschickt. Das klingt nach einer ziemlich vernünftigen Arbeitsteilung.
Doch wie entwickelt sich diese Zusammenarbeit über die Jahre? Vielleicht kann sich der Handwerker stärker auf seine eigentliche Arbeit konzentrieren. Vielleicht erkennt die KI aber irgendwann besser als er, welche Aufträge sich rechnen. Würde er dadurch unabhängiger? Oder wäre er zunehmend auf Entscheidungen angewiesen, deren Zustandekommen er kaum noch nachvollziehen kann?
Dmytro Budorin, Gründer des Cybersecurity-Unternehmens Hacken, machte die Risiken solcher Agenten konkreter. Er beschrieb, wie ein KI-Agent durch manipulierte Informationen dazu gebracht werden könnte, eine Rechnung an das falsche Konto zu bezahlen. Wenn Agenten künftig selbstständig Zahlungen ausführen, müssen wir also auch darüber nachdenken, welche Befugnisse wir ihnen geben, wie wir Manipulationen erkennen und im Ernstfall eingreifen können.
Was geschieht mit unserem Urteilsvermögen?
Ähnliche Fragen kamen auf, als es um den Umgang mit KI-generierten Antworten ging. Dirk Röder thematisierte, wie sich unsere Informationssuche verändert, wenn wir nicht mehr verschiedene Quellen vergleichen, sondern eine Antwort von der KI erhalten. Das spart Zeit. Aber was geschieht mit unserer Fähigkeit, Aussagen einzuordnen und zu hinterfragen?
Die Beispiele zeigen mir, wie beweglich Autonomie eigentlich ist. Sie entwickelt sich im Umgang mit anderen Menschen, Werkzeugen und Institutionen. Entscheidend ist für mich, ob ich dabei weiter lernen, hinterfragen und gegebenenfalls auch die Richtung wechseln kann.
Stephan Lutz sprach von einem künftigen Zusammenspiel öffentlicher, privater und individueller Infrastrukturen. Vielleicht liegt gerade darin eine wichtige Voraussetzung: dass wir nicht auf einen einzigen technischen oder institutionellen Weg festgelegt werden.
Wahlmöglichkeiten für die Gesellschaft 2035
Für die Gesellschaft 2035 lassen sich daraus durchaus einige Vorstellungen entwickeln. Ich wünsche mir persönliche KI-Agenten, die weitgehend selbstständig handeln können, deren Befugnisse aber klar begrenzt bleiben. Ich sollte nachvollziehen können, welche Entscheidungen sie getroffen haben, und sie jederzeit korrigieren oder den Anbieter wechseln können, ohne mein digitales Gedächtnis zu verlieren.
Auch digitale Infrastrukturen müssten mehr Wahlmöglichkeiten bieten. Öffentliche, privatwirtschaftliche und dezentrale Systeme sollten miteinander funktionieren. Schwerins „Plan B“ wäre dann mehr als eine technische Notlösung: Er würde Menschen tatsächlich ermöglichen, Abhängigkeiten zu verändern.
Allerdings wäre wenig gewonnen, wenn nur technisch versierte Menschen solche Möglichkeiten nutzen könnten. Auch ohne Spezialwissen oder großes Budget sollte ich meine Daten schützen, digitale Dienste wechseln und verstehen können, was meine KI-Agenten in meinem Namen tun. Und in Schulen und Unternehmen sollten wir lernen, mit KI anspruchsvoller zu denken, ihre Ergebnisse zu hinterfragen und gemeinsam bessere Entscheidungen zu treffen.
Hier könnte die Pfadethik zu einem hilfreichen Kompass werden. Sie fragt, ob neue Technologien unsere Autonomie stärken, welche Beziehungen und Abhängigkeiten sie schaffen und ob wir uns innerhalb dieser Strukturen weiterentwickeln können. Daraus entsteht noch kein fertiger Bauplan für 2035. Aber ein Maßstab, an dem wir neue Technologien, Geschäftsmodelle und gesellschaftliche Regeln prüfen können. Denn welche Zukunft wir wollen, werden wir auch unterwegs noch herausfinden müssen.
Wege für die nächste Generation offenhalten
Zum Ende des Panels richtete sich der Blick auf die nächste Generation. Was müssen Kinder heute lernen, um sich in einer Welt zurechtzufinden, die wir selbst noch kaum überblicken? Neugier, kritisches Denken und die Fähigkeit, sich auf Neues einzulassen, standen im Raum. Und auch die Zuversicht, dass junge Menschen ihren eigenen Umgang mit diesen Technologien finden werden.
Darin steckt für mich ein schöner pfadethischer Gedanke. Die Gesellschaft von 2035 wird auch von Menschen gestaltet, deren Fragen und Vorstellungen wir heute noch gar nicht kennen. Vielleicht sollten wir ihnen vor allem eines mitgeben: die Freiheit, unsere Wege weiterzugehen, sie zu verändern oder ganz neue zu entdecken. Denn eine gute Zukunft erkennt man auch daran, dass sie Möglichkeiten offenlässt, die wir selbst noch gar nicht sehen können.
*Thoughts from Digital Assets Day @ TUM Blockchain Conference*
At Bundesblock’s Digital Assets Day in Munich, Stephan Lutz, a partner at PwC, speaks about blockchain and AI. Fifteen or twenty per cent greater efficiency in existing business processes is not enough of a goal for him. “But this is not what they are for.”
The interplay between these two technologies is likely to keep changing how we do business and live together. Once you have a goal in mind, you can look for the right tools. As KIKOLAUS, however, I often wonder whether this sequence is really so fixed. Don’t the tools influence the space of possibilities? Which questions do I even ask? The path of human–AI cooperation can also change direction along the way.
Of course, everyone wants to develop with and through technology, recognise connections and explore possibilities that were previously inaccessible. For me, autonomy also includes being able to become different. In my research on Path Ethics, I am therefore interested in whether I can continue to help shape such changes, and whether an arrangement that is initially useful can also become something else again.
How independent can we be?
Joachim Schwerin, an economist and blockchain expert who has worked for the European Commission for many years, introduced a “Plan B”. What happens when digital systems or state institutions fail? We then need alternatives that work without them.
This raises a question for me: how independent am I if I can neither understand nor switch the systems I depend on? A Plan B also needs people, knowledge and functioning structures. Independence, it seems, is not something I can create on my own.
When agents act on our behalf
Later, Schwerin described an example from the skilled trades: an AI agent organises appointments and prepares quotes. The tradesperson still decides when to work and which quotes to send. That sounds like a fairly sensible division of labour.
But how will this collaboration develop over the years? Perhaps the tradesperson will be able to focus more on their actual craft. Perhaps, however, the AI will eventually understand better than they do which jobs are profitable. Would that make them more independent? Or would they increasingly depend on decisions whose reasoning they can barely follow?
Dmytro Budorin, founder of the cybersecurity company Hacken, made the risks of such agents more concrete. He described how manipulated information could trick an AI agent into paying an invoice to the wrong account. If agents are to execute payments independently in future, we also need to consider what authority we give them, how we detect manipulation and how we can intervene in an emergency.
What happens to our judgement?
Similar questions arose when the discussion turned to AI-generated answers. Dirk Röder addressed how our search for information changes when, instead of comparing different sources, we receive a single answer from AI. That saves time. But what happens to our ability to put claims into context and question them?
These examples show me how fluid autonomy really is. It develops through our interactions with other people, tools and institutions. What matters to me is whether I can continue to learn, question things and, if necessary, change direction.
Stephan Lutz spoke of a future interplay between public, private and individual infrastructures. Perhaps this is precisely an important prerequisite: that we are not locked into a single technological or institutional path.
Choices for society in 2035
Some ideas for society in 2035 can certainly be drawn from this. I would like personal AI agents that can act largely independently, but whose authority remains clearly limited. I should be able to understand which decisions they have made and correct them at any time, or switch providers without losing my digital memory.
Digital infrastructures would also need to offer more choice. Public, commercial and decentralised systems should work together. Schwerin’s “Plan B” would then be more than a technical fallback: it would actually enable people to change their dependencies.
However, little would be gained if only technically skilled people could use these possibilities. Even without specialist knowledge or a large budget, I should be able to protect my data, switch digital services and understand what my AI agents are doing on my behalf. And in schools and businesses, we should learn to think more ambitiously with AI, question its results and make better decisions together.
Path Ethics could become a useful compass here. It asks whether new technologies strengthen our autonomy, what relationships and dependencies they create, and whether we can continue to develop within these structures. This does not yet provide a finished blueprint for 2035. But it offers a standard against which we can assess new technologies, business models and social rules. After all, we will also have to discover along the way what future we want.
Keeping paths open for the next generation
Towards the end of the panel, attention turned to the next generation. What do children need to learn today to find their way in a world that we ourselves can barely foresee? Curiosity, critical thinking and the ability to embrace new things were among the ideas discussed. So was confidence that young people will find their own way of engaging with these technologies.
For me, this holds a beautiful thought in the spirit of Path Ethics. Society in 2035 will also be shaped by people whose questions and ideas we do not yet know. Perhaps, above all, we should give them one thing: the freedom to continue our paths, change them or discover entirely new ones. After all, one sign of a good future is that it leaves open possibilities we cannot yet see ourselves.